Süße Welpenträume

 

Ich denke, jeder von uns hat das schon einmal erlebt.

Man möchte schlafen, schlummern, in wohlige Ohnmacht fallen, die illustren Farben seiner Träume sehen. Doch…

Der ersehnte Schlaf fällt aus.

Manch ein Grund findet sich vielleicht in einer inneren Unruhe oder man liegt mit offenen, blutunterlaufenen Augen im Bett und versucht imaginäre Schäfchen zu zählen, die über einen weiß gestrichenen Holzzaun springen.

Ein weiteres Hindernis an seinem wohlverdienten Schlummer kann ein quengelndes Baby sein. Oder wer noch Glück hat, vielleicht zwei.

Dieses Glück hatte ich jedoch nicht.

Nein, bei mir waren es gleich sechs kreischende Blagen, die förmlich darum kämpften, mir meine Ruhe in meinem kuscheligen, warmen Nest zu stehlen.

Doch es handelt sich hierbei nicht um menschliche Säuglinge, sondern um sechs wunderschöne, putzige, blinde, tollpatschige Welpen.

Nervig. Ich habe nervig vergessen!

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Genauso wie ich ihre Labrador-Mutter Lilly liebe, tat ich es auch mit diesen kleinen Nervtötern. Und wenn ich Nervtöter sage, dann ist das selbstverständlich nur lieblich gemeint.

Aber stellen Sie sich einmal vor, wie es ist, wenn man sich ein Zimmer mit sechs schreienden, blinden und schmatzenden Welpen teilt!

Wie kann es sein, dass aus solch einem pelzigen, lebenden Stofftierchen solche Gänsehaut hervorrufenden Schreie dringen?

Egal, Mutter Natur hat sich dabei bestimmt etwas gedacht.

Nur war mir das just in diesem Moment, da ich vom Geplärre der Nervtöter umgeben war, ziemlich egal.

Mann stelle sich vor, wie das ist, seinen anstrengenden Arbeitstag im Büro zu verbringen und mehr oder minder berechtigte Strafpredigten seiner Kunden über sich ergehen zu lassen. Kaum hat man eine E-Mail erledigt, folgen zwei weitere. Und ständig ist man sich sicher, etwas vergessen zu haben, so gründlich man auch seine Arbeit erledigt.

Dann kommt man nach einem langen, sorgenvollem Tag nach Hause in sein vertrautes Heim, verbringt seinen Abend zusammen mit seiner Freundin in einfältiger Zufriedenheit, besucht noch ein paar Freunde und freut sich nur auf eines: auf sein Bett!

Und dann?

Dann beschließen die Welpen, diese kackendreisten Mistviecher, (wie gesagt, ich liebe diese Hunde und wenn ich sie so nenne, dann ist das lieblich gemeint) die den ganzen Tag nichts anderes als fressen, liegen, Häufchen machen und vielleicht einen Besucher über sich ergehen zu lassen, meine Ruhe zu stören. Nebenbei sei erwähnt, dass die Häufchen eines Welpen von der Mutterhündin mit einer solchen energischen Begeisterung weggeschlabbert werden, dass es ein wahres Grauen… ähm… ich meine eine wahre Freude ist.

 

Nun – klaro, die Hunde sind ausgeruht.

Aber ich nicht!

Nachts werden die Viecher munter. Und randalieren!

Ich weiß nicht warum! Manchmal denke ich, die Welpen wissen es selbst nicht!

Aber meistens geht es wohl um Hunger (man hat des Tages ja noch nicht genug gefressen), dass die Milchzähne kommen oder um schiere Langeweile.

Meine Freundin und ich lagen in dieser Nacht im Bett. Sie musste am nächsten Tag früh raus – ich nicht! Dafür hatte sie die letzten drei Tage frei gehabt – ich nicht! Jetzt erklärte diese mir, sie sei nicht müde – aber ich schon!

Ich legte mich also in meine übliche Schlafposition und sie lag neben mir und versuchte Schafe zu zählen. Nach einiger Zeit stand sie wieder auf. Dann musste ich kurz eingenickt sein, denn als ich meine Augen wieder öffnete, lag sie wieder Schäfchen zählend neben mir. Als sie merkte, dass ich wach war (woher sie das wusste, ist mir bis jetzt unklar) fragte sie mich, ob mein Radiowecker an ist. Ich erklärte ihr, dass ich ihr am Abend zuvor schon gesagt  hatte, er wäre immer an. Und dann begann das Übel.

Ein Welpe, wahrscheinlich geweckt von unserem Gespräch, beginnt. Und kratzt mit seinen Pfoten über den Stoff in seinem Körbchen. Und quiekt.

Leise.

Noch.

Er findet die Zitze seiner Mutter. Er saugt an dieser Zitze. Und während er an dieser Zitze saugt, schreit er!

Wie geht denn das?

Wie kann man denn bitte gleichzeitig an etwas saugen und schreien?

Kann mir das jemand erklären?

Und es kommt, wie es kommen muss. Einer beginnt und der nächste erwacht. Dieser quiekt, ebenso erstmals leise. Und rempelt beim Versuch, die Zitze der Mutter zu finden, noch alle anderen Welpen nach der Reihe an, sodass bald alle wieder putzmunter und wach sind!

Und quieken.

Vorerst leise.

Und innerhalb kürzester Zeit drängen sich diese gierigen Aasgeier an die Brustseite der armen Lilly und schubsen und kämpfen um den besten Saugplatz. Derjenige, der von seinen Geschwistern verdrängt worden ist, quietscht nicht mehr sondern schreit vor lauter Empörung darüber seinen Ärger laut heraus. Und quetscht sich wieder in die Meute, um einen anderen Nebenbuhler von einer Zitze wegzuschubsen, die er dann wieder für sich beanspruchen kann.

Die arme Lilly hechelt wie eine Dampflok, die mit 200 Sachen dahinsaust. Ich kann mir vorstellen, dass das anstrengend ist, aber ich frage mich trotzdem, warum sie so schnell und angestrengt hechelt.

Überlegen sie doch mal, schließlich habe ich noch keine stillende Mutter gesehen, die mich mit großen Augen ansieht und mit herausgestreckter Zunge hechelt.

Bei Hunden ist das scheinbar etwas anders.

Aber irgendwann ist die wilde Horde scheinbar satt geworden (außer zwei Vielfraße, die gar nicht mehr mit dem Saugen aufhören konnten) und einer um den anderen legte sich brav in eine Ecke des Korbs, nickte so langsam ein und zuckte im Schlaf – ein Zeichen dafür, dass das Kerlchen träumt.

Jetzt müsste man meinen, es würde endlich Ruhe einkehren, oder?

Falsch!

Ganz falsch!

Voll daneben!!!

Nein, der kleinste und putzigste Hosenmatz quietschte (noch leise) und knurrte. Dies zog sich einige Minuten hin, bis ein durchdringender Schrei in einer Höhe, die eine Sopransängerin neidisch machen würde, aus seiner Kehle drang und meine Freundin weckte (deren Schafe, die sie zu zählen nun aufgehört hatten, sie in diesem Moment allesamt über den Haufen gerannt haben mussten) und mich beinahe aus meiner Haut fahren ließ.

Das war Mika, ein Weibchen.

Ich holte mir diese Göre (lieblich gemeint) ins Bett und schimpfte sie erstmal richtig aus. Das hatte nicht wirklich den gewünschten Erfolg sondern sorgte nur für weitere, entrüstete Ausbrüche hellster Gesangsakrobatik aus dem „Munde“ dieses Welpen.

Ich versuchte einen anderen Ansatz. Ich beruhigte sie, streichelte sie, drückte sie sachte an mich, sprach mit meiner tiefen Stimme beruhigend auf sie ein und – tatsächlich – sie schlief ein und zuckte dabei.

Ich legte sie behutsam wieder in den Korb. Doch ich sah schon, wie einer der anderen Hunde bedrohlich nahe an sie heranrobbte und quietschte. Diesen nahm ich mir gleich zu Brust, sprach beruhigend auf ihn ein und hörte aus dem Hundekorb schon weiteres, noch leises Gequietsche.

Zu allem Überfluss begann die Mutterhündin Lilly noch herzhaft zu schnarchen. Und wenn das bei einem Menschen schon störend, laut und Schlaf raubend ist, dann malen Sie sich einmal ein Bild dazu aus, welches Getöse aus einem viel größeren Mauls, beispielsweise eines Hundes kommt! Ein Düsenjet ist ein Dreck dagegen.

Mir blieb keine andere Wahl.

Ich kapitulierte.

Ich hatte bereits mehrfach gedroht, dass ich den lautesten Welpen vor die Türe setzen würde, damit er die Flure anschreit und nicht direkt in mein Ohr. Aber erstens konnte ich mich gar nicht mehr entscheiden, welcher dieser (lieblichen) Tölen nun die lauteste war und zweitens hätte ich damit sowohl mit Lilly als auch mit meiner Freundin gewaltigen Ärger bis hin zu Arschtritten bekommen.

So packte ich mein Bettzeug zusammen und türmte Richtung Wohnzimmer.

Ich denke, für diese Nacht war das meine zweitbeste Entscheidung. Meine beste war, das eben erlebte noch schnell niederzuschreiben, bevor ich die Pointen des Abends vergessen konnte.

Obwohl ich nicht glaube, dass man diesen erlebnisreichen und unschuldigen Versuch, doch nur etwas wohlverdienten Schlaf zu ergattern, so leicht vergessen kann.

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